Sonntag, 10. Juni 2012

Bischof Erwin Kräutler: „Eine weltweite Befragung könnte den Stillstand überwinden

Ein Interview mit Bischof Erwin Kräutler ist am 5. Juni 2012 in den "Salzburger Nachrichten" erschienen.

Der gebürtige Vorarlberger Erwin Kräutler ist seit 1980 Bischof am Xingu in Brasilien. Für 900 Gemeinden hat er 30 Priester zur Verfügung. Die SN fragten „Dom Erwin“, wie der Reformgeist in der katholischen Kirche 50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil wieder aufleben könnte.
Rom soll alle Bischöfe weltweit befragen&

„Rom soll alle Bischöfe weltweit befragen“ 05.06.2012

Reform. „Der Blaulichtpfarrer – das kann es nicht sein“, sagt Erwin Kräutler. Eine weltweite Befragung könnte den Stillstand überwinden.

josef Bruckmoser Der gebürtige Vorarlberger Erwin Kräutler ist seit 1980 Bischof am Xingu in Brasilien. Für 900 Gemeinden hat er 30 Priester zur Verfügung. Die SN fragten „Dom Erwin“, wie der Reformgeist in der katholischen Kirche 50 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil wieder aufleben könnte.

Was ist der Mehrwert des Konzils für die Kirche in Brasilien? 

Kräutler: Sehr beeindruckt hat mich das Konzilsdokument „Gaudium et spes“ (Kirche in der Welt von heute). Das fängt so an: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Das hatte für Lateinamerika eine große Konsequenz: den Blick der Kirche auf die Armen und Bedrängten.

Die große Mehrheit der Bischöfe in Lateinamerika steht hinter dem Konzil, aber viele von ihnen erwarten sich noch mehr davon. Sie sagen: Der Geist des Konzils darf nicht ausgelöscht werden.

Was erwarten diese Bischöfe noch? Was ist offen vom Konzil? 

Kräutler: Die seelsorgliche Dimension muss weitergeführt werden. Da ist das Konzil für mich noch nicht abgeschlossen. Hier in Europa ist die Zusammenlegung von Gemeinden und die Überforderung von Priestern ein großes Thema. Der Priester fährt von Ort zu Ort, darunter leidet seine Einbindung in das Gemeindeleben und seine Beziehung zu den Menschen. Der Blaulichtpfarrer – das kann es nicht sein.

In meiner Diözese in Brasilien haben wir 30 Priester für 900 Gemeinden mit 600.000 Menschen auf einem Gebiet, das viereinhalb Mal so groß ist wie Österreich. 

Bei uns in Europa würden alle fragen: Wie geht das? 

Kräutler: Ja, hier spüre ich oft die Frage, ob es da noch Kirche gibt. Und ich sage: Ja, es gibt Kirche, weil Laien in ihren Gemeinden Verantwortung übernehmen. Sie halten Sonntag für Sonntag Wortgottesdienste, Frauen und Männer, mehrheitlich Frauen. Zur Eucharistie mit dem Priester können sie sich aber nur drei, vier Mal im Jahr um den Altar versammeln.

Da stellt sich die Frage, ob diese Menschen nicht ein Recht auf die sonntägliche Messfeier haben. Ich sage: Ja, sie haben ein Recht. Da muss sich die Kirche im Geist des Konzils etwas einfallen lassen. Ich will jetzt gar nicht sagen was, sondern ich sage: Wir müssen anfangen, ernsthaft darüber zu reden. 

Das heißt, die Anliegen der österreichischen Pfarrerinitiative in Hinblick auf das Priesteramt sind auch eure Anliegen. Das sind keine regionalen europäischen Fragen? 

Kräutler: Nein, es ist eine Frage der gesamten Weltkirche. Wir haben in Brasilien auch junge Priester, aber wir hinken zahlenmäßig furchtbar hinter dem nach, was die Gemeinden brauchen. Die gesamte Weltkirche muss darüber nachdenken, was wir tun können, dass die Menschen, die jeden Sonntag zur Kirche gehen, dort auch die Eucharistie, das Brot des Lebens, empfangen können. 

Diese Frage haben wir brasilianischen Bischöfe in Rom schon mehrere Male vorgebracht. Bei der Amerika-Synode 1997 haben wir sie als Thema vorgeschlagen, aber wir sind damit nicht durchgekommen. Heute kann man diese Frage nicht mehr wegschieben. Derzeit herrscht Stillstand. Wie kann die Priesterfrage auf der Ebene der Weltkirche zum Thema werden? Was tun außer abwarten? 

Kräutler: Abwarten ist zu wenig. Die Kirchenleitung sollte wirklich einen ernsthaften Schritt dahin tun, dass sie sagt: Gut, Leute, wir beginnen, darüber zu reden. 

Die Priesterfrage muss ein Thema der Weltkirche werden. Ich glaube allerdings nicht, dass eine Bischofsversammlung in Rom dafür ein geeigneter Weg ist.Welchen Weg sehen Sie? 

Kräutler: Eine richtige Umfrage unter allen Bischöfen auf der ganzen Welt: Was ist deine Meinung, wie stehst du dazu, was sagen deine Leute? Redet mit den Priestern, den Ordensleuten, den Laien. Macht eine Versammlung und bildet euch eine Meinung. 

Ich sehe darin wirklich eine Möglichkeit, dass wir einen Schritt vorwärtskommen. Man würde endlich von allen Gemeinden weltweit eine qualifizierte Meinung erfahren. Das ist der Puls der Weltkirche, den man erspüren muss. Und diese Meinung muss ernst genommen werden. Wir glauben daran, dass der Geist Gottes mit uns allen ist, nicht mit einer Einzelperson. Das sagt die Apostelgeschichte ganz klar.

Nach einer solchen Befragung müsste ein Gremium geschaffen werden – mit dem Papst und unter dem Papst –, das sich mit diesem Puls der Weltkirche befasst. Da kann man dann schauen, ob ein neues Konzil sinnvoll ist oder eine andere repräsentative Großversammlung wie die Versammlungen der Bischöfe Lateinamerikas. 

Aber hat nicht in Lateinamerika selbst die Befreiungstheologie ihren Höhepunkt überschritten?
Kräutler: Absolut nicht. Die Befreiungstheologie hat heute noch ihren Stellenwert und muss ihn haben, weil sie biblisch ist. Und sie ist beheimatet in den Basisgemeinden, die auf lateinamerikanischem Boden gewachsen sind. Dagegen sind die neuen Bewegungen – katholische Movimenti und Pfingstbewegungen – alle im Ausland entstanden und nach Lateinamerika importiert worden. 

Die werden aber von der Kirchenleitung stark gefördert. 

Kräutler: Ich würde diesen Bewegungen auch keinesfalls alles absprechen, aber ich will ganz bewusst die andere Erfahrung der kirchlichen Basisgemeinden in Lateinamerika zur Sprache bringen. Wir können diese Talente, die wir in Lateinamerika haben, nicht vergraben. Aber wir können sie nur über den Teich bringen, wenn eine Offenheit dafür da ist.Diese Offenheit für die Befreiungstheologie hat es jedenfalls in Rom zu keiner Zeit gegeben. 

Kräutler: Das kann ich nicht leugnen. Die Aufbruchstimmung nach dem Konzil war eine andere Zeit. Die hat eine kalte Dusche erlebt. Anstatt auf die Kirche in Lateinamerika zuzugehen, hat man von vornherein gesagt, die Befreiungstheologie habe ausgedient. Da bin ich absolut nicht einverstanden. Eine Theologie, die auch auf dem Boden lateinamerikanischer Märtyrer gewachsen ist und immer noch wächst, hat nicht ausgedient. Das ist ein Schlag ins Angesicht. Keine große Theologie hat ausgedient. Ich würde nie sagen, dass Thomas von Aquin (1225–1274) ausgedient hat. 

Es gibt in Europa viele jüngere Priester, die konservativ denken und die Berufung auf das II. Vatikanische Konzil als Nostalgie betrachten. Wie ist das in Brasilien? 

Kräutler: Ich habe diese und jene. Ich habe jüngere Priester in meiner Diözese, für die sind das Konzil und die Befreiungstheologie sehr wichtig. Die setzen sich für die Armen ein. Sie geraten deshalb mit Behörden in Konflikt, wenn sie die Menschenrechte verteidigen. Das sind junge Priester, die sehr fromm sind, sehr kontemplativ, die sich aber gleichzeitig so sehr für das Volk einsetzen, dass ich eine helle Freude daran habe. 

Aber es gibt auch die anderen, die – so sehe ich das – gern die Institution Kirche vertreten. Sie freuen sich, weil ihr Stellenwert als Priester in den Movimenti ganz groß herausgestrichen wird. 

In diesen Bewegungen ist der Priester wieder hoch angesehen. 

Kräutler: Ja, diese Priester sind angesehen. Aber die anderen, die aus der Befreiungstheologie herauskommen, hat das Volk wirklich gern. Das ist der Unterschied.

Dienstag, 1. Mai 2012

Wir trauern um unser verstorbenes Mitglied Pfarrer Msgr. Dr. Adolf Karlinger, der am Donnerstag nach Ostern verstorben ist.

Sein Primiz- und Leitspruch war: Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Diener eurer Freude. 2 Kor 1,24

Voll Dankbarkeit vertrauen wir ihn unserem auferstandenen Herrn an. Er vollende ihn in der Fülle Seines Lebens!


Pfarrbrief von Dr. Karlinger im April 2012
Liebe Pfarrgemeinde!


Gleichzeitig mit der Wahl des neuen Pfarrgemeinderates im März 2012 wird auch der Pfarrkirchenrat, der bei den wirtschaftlichen Belangen der Pfarre mitentscheidet, neu bestellt. Im nächsten Pfarrbrief werde ich über die Zusammensetzung des Pfarrgemeinde- und Pfarrkirchenrates berichten. Ich kann aber jetzt schon sagen, dass ich über die große Breitschaft nicht weniger Pfarrangehöriger, das Leben der Pfarrgemeinde mitzugestalten, sehr erfreut bin. Ich bekomme immer wieder die Rückmeldung, dass sich viele in unserer Pfarre gut aufgehoben wissen und wohl fühlen. Dies hängt meines Erachtens auch damit zusammen, dass wir uns sehr bemühen, der Botschaft Jesu zu entsprechen und kirchenrechtlichen Bestimmungen, die m.E. dieser Botschaft widersprechen, den Gehorsam verweigern. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte ja das „aggiornamento“ die Zeitgemäßheit der Kirche zum Ziel, um ihre Aufgabe in der Welt von heute erfüllen zu können.

Der Aufruf zum „Ungehorsam“ der Pfarrer-Initiative um den bekannten Wiener Priester Helmut Schüller richtete sich ja nicht direkt gegen die Kirchenleitung, sondern bereits durchgeführte Praktiken, die dem Geist Jesu entsprechen, aber laut Kirchenrecht verboten sind. Ein notwendig geforderter Ungehorsam also. Und wäre in dieser Aktion das Wort „Ungehorsam“ nicht verwendet worden, dann wäre von Anfang an alles im Sand versickert. Ich denke zuerst an den Ausschluss von der Kommunion und das Verbot einer Segensfeier bei Geschieden-Wiederverheirateten.

Ein zweiter großer Bereich ist das starre Festhalten der Kirchenleitung am Zölibat, geradezu bedingungslos, was den immer weniger und älter werdenden Priestern, auf den Kopf fällt. Sie sollen immer mehr Pfarren übernehmen. Da ist eine bodenständige und persönliche Seelsorge nicht mehr möglich. Man spricht schon zynisch vom Blaulichtpfarrer oder Auspuffpfarrer, weil man nach dem Gottesdienst sein Auto nur mehr von hinten sieht. Wenn ich etwas zu sagen hätte, ich würde am Zölibat grundsätzlich festhalten, aber auch den verheirateten Priester zulassen wie dies in der griechisch katholischen – einer zum Papst gehörenden Kirche – und in allen Schwesterkirchen der Fall ist. Und warum sollte nur der zölibatär lebende Priester eine Pfarre leiten dürfen? Es gibt doch auch Diakone und nicht geweihte, die befähigt und berufen sind. Das Zweite Vatikanische Konzil hat weitsichtig das allgemeine Priestertum aller Getauften in Erinnerung gerufen und bekräftigt.

Die derzeitige Kirchenleitung verweigert in einer sich radikal ändernden Welt notwendige Reformen und verzichtet lieber auf kritische Glaubensschwestern und –brüder. „Gesundschrumpfen“ heißt das un-christliche Wort, statt Jesus Christus als „Licht der Völker“ glaubwürdig der Welt von heute zu verkünden.

Mir persönlich geht es als Pfarrer gut und meine Arbeit hat Sinn. So erfahre ich es. Ich spüre aber eine große Diskrepanz zwischen dem öffentlichen Image und meiner persönlichen Wahrnehmung. Ich glaube, dass die Botschaft, die der Kirche anvertraut ist, sehr viele Menschen nicht verstehen, was nicht nur ihre eigene Schuld ist. Ich verstehe die Selbstdarstellung der Kirche auch immer weniger, die Selig- und Heiligsprechungen wirken auf mich inflationär und ein Zeichen des Rückzugs der Kirche in die „Kirche“. Was ist die Chance, die Aufgabe, die Sendung der 1,2 Milliarden Katholiken? In der Welt von heute!


Dr. Adi Karlinger
www.karlinger-adolf.at

Freitag, 3. Februar 2012

PROTEST FÜR EINE GLAUBWÜRDIGE KIRCHE

Seit dem „Aufruf zum Ungehorsam“, in dem wir uns dazu bekennen, künftig in eigener Verantwortung Zeichen der Erneuerung unserer Kirche zu setzen, kam von vielen Seiten aus dem In- und Ausland Zustimmung und Ermutigung – von bischöflicher Seite jedoch vorwiegend Zurückhaltung, bisweilen auch heftige Ablehnung. Zu einem Dialog kam es nur selten und abseits der Öffentlichkeit. Wir aber setzen dem gegenwärtigen Aushungern der Gemeinden und der Seelsorge unter dem Druck des Priestermangels und der Überalterung des Klerus mehrfach ein entschiedenes NEIN entgegen:

1    Wir sagen NEIN, wenn wir zusätzlich immer weitere Pfarren übernehmen sollen, weil uns das zu reisenden Zelebranten und Sakramentenspendern macht, denen die eigentliche Seelsorge entgleitet. Wir widerstehen damit dem Trend, an vielen Orten flüchtig anwesend zu sein, aber keine spirituelle und emotionale Heimat zu finden und anzubieten.

2    Wir sagen NEIN zu immer mehr Eucharistiefeiern am Wochenende, weil so die vielen Dienste und Predigten zu oberflächlichem Ritual und allzu routinierter Rede werden, während Begegnung, Gespräch und Seelsorge verkümmern. Kurz vor der Messe anzukommen und gleich danach weiterzufahren, macht unseren Dienst zur hohlen Routine.

3    Wir sagen NEIN zur Zusammenlegung oder Auflösung der Pfarren, wenn sich keine Pfarrer mehr finden. Hier wird der Mangel zum Gesetzgeber erhoben, statt dem Mangel durch die Änderung unbiblischer Kirchengesetze abzuhelfen. Das Gesetz ist für den Menschen da – und nicht umgekehrt. Gerade das Kirchenrecht hat den Menschen zu dienen.

4    Wir sagen NEIN zur Überforderung der Pfarrer, die man in einen mehrfachen Pflichterfüllungsstress drängt, deren Zeit und Kraft für ein geistliches Leben wegadministriert wird und deren Dienste weit über das Pensionsalter hinaus beansprucht werden. So kann sogar das früher verdienstvolle Wirken durch allzu lange Beanspruchung beschädigt werden.

5    Wir sagen NEIN, wenn das Kirchenrecht ein allzu hartes und unbarmherziges Urteil spricht: über Geschiedene, die eine neue Ehe wagen, über gleichgeschlechtlich Liebende, die in Partnerschaft leben, über Priester, die am Zölibat scheitern und deshalb eine Beziehung eingehen – und über die Vielen, die ihrem Gewissen mehr gehorchen als einem von Menschen gemachten Gesetz.

Weil Schweigen als Zustimmung verstanden wird und wir unsere Verantwortung als Priester und Seelsorger wahrnehmen wollen, müssen wir diesen fünffachen Protest aussprechen. Er ist ein „Pro-test“ im wörtlichen Sinn: ein „Zeugnis für“ eine Kirchenreform, für die Menschen, deren Seelsorger wir sein wollen, und für unsere Kirche.  Die Freudlosigkeit des heutigen Kirchenbetriebs ist kein gutes Zeugnis für die „frohe Botschaft“, die uns bewegt. Denn wir wollen „nicht über den Glauben herrschen, sondern der Freude dienen“(2 Kor 1,24).

Freitag, 25. November 2011

Klarstellung zum Artikel von Peter Nindler


Klarstellung zum Artikel von Peter Nindler, TT, 25. Nov. 2011, S. 4


Die Pfarrerinitiative der Diözese Innsbruck ist für eine Reform des priesterlichen Amtes in der Kirche, nicht für die Auflösung. Deshalb sind wir klar gegen die Feier der Messe ohne Priester. Gemäß dem II. Vatikanischen Konzil soll die Bedeutung der Laien aufgrund ihrer Taufe weiter aufgewertet werden. Dadurch stehen sie aber mit dem Amtspriester in keiner Konkurrenz, sondern beide ergänzen und fördern einander.

Dekan Bernhard Kranebitter u. Dekan Franz Neuner
(Sprecher der Pfarrerinitiative der Diözese Innsbruck)

Sonntag, 13. November 2011

Stellungnahme zur Pressekonferenz und Presseerklärung der österreichischen Bischofskonferenz vom 11. November 2011


Positive Ansätze, Reformverweigerung beim Amt

Sehr positiv, wenn auch selbstverständlich, ist die Ankündigung: „Erneuerung der Kirche war der große Anspruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, dem wir auch heute verpflichtet sind, und in Zukunft verpflichtet bleiben.“ Es ist erfreulich, dass die Bischöfe eine Initiative starten, sich neu mit den Texten „dieses großen Reformkonzils“ zu befassen, den Dialog mit den Priestern zu vertiefen, Glaubenserneuerung von innen her zu fördern und das „weltbewegende Thema“ der Gottsuche vermehrt aufzugreifen.
Bei allen Anliegen der Pfarrerinitiative aber, die die dringende Erneuerung des Amtes in der Kirche betreffen (Erweiterung der Zulassungsbedingungen für Priester, Beteiligung aller Getauften Männer und Frauen am Leitungsamt der Kirche, …), bleibt es bei der ängstlichen Reformverweigerung. Hier fehlt die Bereitschaft, im Blick auf das Evangelium und die Zeichen der Zeit Verantwortung und Macht zu teilen. Wenn die Bischöfe schreiben, dass die Rede von einer Eucharistiefeier ohne Weihesakrament „ein offener Bruch mit einer zentralen Wahrheit unseres katholischen Glaubens“ sei, dann geht das auch an ihre eigene Adresse. Wie kann die Leitung der Kirche es zulassen, dass die zur Erhaltung ihrer katholischen Identität notwendige Feier der Eucharistie in den Pfarren gefährdet ist, weil sie die Zulassungsbedingungen für Priester nicht erweitert, obwohl es auch dogmatisch durchaus möglich ist. - Aufhorchen lässt Kardinal Schönborn aber mit der Aussage: Regional unterschiedliche Wege in Fragen der Kirchendisziplin seien „vorstellbar, wenn dies weltkirchlich so entschieden wird.“
Der 'Aufruf zum Ungehorsam', so die Bischöfe, habe bei vielen Katholiken tiefe Sorge und Traurigkeit ausgelöst. Was verschwiegen wird: dass eine Mehrheit der Pfarrer und des Kirchenvolkes hinter weiten Teilen der Reformwünsche stehen.
Als Pfarrerinitiative der Diözese Innsbruck werden wir die positiven Ansätze wie auch die Gelegenheit zum Gespräch mit unserem Bischof gerne aufgreifen. Gegen die Reformverweigerung aber, die in der Presserklärung der österreichischen Bischöfe sichtbar wird, werden wir die Forderungen unserer Initiative im Anliegen für lebendige Gemeinschaften und Pfarren vor Ort weiterhin mit unserem ganzen Einsatz vertreten.

Dekan Bernhard Kranebitter, Dekan Franz Neuner




Weitere Zitate aus der Pressekonferenz:

Es gibt seit 2000 Jahren keinen besseren Reformweg als das Evangelium.

Die Kirche ist auch in unserem Land viel lebendiger, als es oft gesehen oder dargestellt wird. Auch hier gilt das Wort des Propheten Jesaja: „Schon wächst Neues. Merkt ihr es noch nicht?“

Zum Begriff "Ungehorsam" sagte Kardinal Schönborn, dass der Gehorsam gegenüber Gott und dem eigenen Gewissen Vorrang vor dem Gehorsam den kirchlichen Verantwortungsträgern gegenüber habe. Er zitierte den bedeutenden, von der anglikanischen zur katholischen Kirche konvertierten Kardinal John Henry Newman (1801-1890), dessen Trinkspruch "Erst auf das Gewissen, dann auf den Papst" gelautet habe. Gleichzeitig warnte Kardinal Schönborn vor einem "leichtfertigen Umgang" mit dem "Kampfwort" Ungehorsam. Es sei im Gespräch zu klären, was damit konkret gemeint sei.

Montag, 7. November 2011


Aktuelles:
„Kreuz&quer“-Umfrage zur Pfarrerinitiative und zum „Aufruf zum Ungehorsam“
Die wichtigesten Ergebnisse im Detail:

Bericht von der Generalversammlung der Pfarrerinitiative Österreich
am 6. November 2011, 15 – 18 Uhr, Linz, Ursulinenkirche

Von den 20 Mitgliedern unserer Diözese haben wir zu sechst teilgenommen: Erich Daxerer, Ewald Gredler, Franz Mayr, Franz Neuner, Ludwig Kleissner und Bernhard Kranebitter. Es haben sich 81 der inzwischen 361 Mitglieder eingefunden.
In einem kurzen Rückblick hat Helmut Schüller über den Hintergrund berichtet, wie es zum „Aufruf zum Ungehorsam“ gekommen ist, wie auch über die starken Reaktionen darauf und dem großen Interesse, das der Initiatve auch von Priestern aus dem Ausland entgegengebracht wird.
Wichtig war, dass anschließend ausgiebig Zeit für sehr engagierte Stellungnahmen zur Verfügung gestanden ist.
Am intensivsten wurde unser erster diözesaner Antrag diskutiert:
1.Der „Aufruf zum Ungehorsam“ soll in Zukunft „Aufruf zur Selbstverantwortung“ heißen.
Die Ablehnung des Antrages mit beinahe 90% wurde unter anderem mit dem Hinweis darauf begründet, dass „Aufruf zum Ungehorsam“ so etwas wie ein vertrauter Markenname geworden sei, der nicht geändert werden sollte. Wir müssen diese demokratische Entscheidung trotz gegenteiliger Meinung akzeptieren.
Weitere Wortmeldungen:
-„Es bräuchte auch so etwas wie eine Bischofsinitiative.“
-„Es geht nicht um ein Match Pfarrerinitiative – Bischöfe, sondern darum, dass das Volk Gottes vor Ort und als Gesamtes 'gewinnt'.“
-„Die von Gott dem Volk Gottes und der Gemeinde zugesprochene Würde und Autorität sollen zum Tragen kommen.“
-Hinweis auf Can. 212 § 3 des Kirchenrechtes: Die Gläubigen haben „das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen …“
Mit über 90 % der Stimmen wurden unsere beiden weiteren Anträge angenommen:
2.Unter den diözesanen Mitgliedern der Pfarrerinitiative sollen „Diözesansprecher“ ermittelt werden, die mit dem Vorstand in wichtigen Fragen und bei Stellungnahmen gemeinsam beraten und entscheiden.
oBis spätestens Weihnachten werden die Diözesansprecher in den Diözesen ermittelt werden.
3.Die im „Aufruf zum Ungehorsam“ genannten Anliegen sollen unter Einbeziehung von Vertretern der Pfarrerinitiative aus anderen Diözesen Österreichs präzisiert und weiterentwickelt werden.
oDie Diözesansprecher werden mit dem Vorstand die Anliegen des „Aufrufes zum Ungehorsam“ und der Grundsatzerklärung „Mit drängender Sorge“ präzisieren und weiterentwickeln. Mit allen Mitgliedern soll in den Räten und Gremien der Pfarren, Dekanate und Diözesen in Dialog und Aktion an deren Umsetzung gearbeitet werden.
In einem Referat sprach Dr. Markus Schlagnitweit von der KSÖ über „Gehorsam und Ungehorsam in der Kirche“ und verwies dabei besonders auf den lesenswerten Artikel „Gehorsam“ im Lexikon für Theologie und Kirche.
Helmut Schüller zeigte als Obmann der Pfarrerinitiative die Schwerpunkte für die Zukunft auf:
1.Weiterentwicklung, Entfaltung, Schwerpunktsetzung der Anliegen, auch unter Einbeziehung von Fachleuten.
2.Aufmerksamkeit, dass die Bischöfe den Dialog primär mit dem Kirchenvolk und mit den Pfarrgemeinden, nicht mit den Priestern führen.
3.Die internationale Vernetzung, die bereits u. a. mit Ländern wie Deutschland, Irland, Frankreich, Spanien, Polen, … besteht, soll ausgebaut werden.
Uns Mitgliedern der Diözese Innsbruck ist in Überarbeitung des Punktes der Grundsatzerklärung der Pfarrerinitiative „Mit drängender Sorge“ wichtig:
Leitung der Kirche durch deren Amtsträger schließt auf Grund des gemeinsamen Priestertums die Teilhabe der Getauften und ihrer Gemeinden an der Verantwortung und den Entscheidungen der Kirche ein. Dies gehört zum Wesen des Lebens und des Zukunftsweges der Kirche als Communio (Gemeinschaft) und Volk Gottes. Deshalb setzen wir uns mit aller Kraft für eine Wiederbelebung echter Mitentscheidung und des synodalen Prinzips auf allen Ebenen der Kirche ein.